Windesheim, Wein und Weltläufigkeit

Bei Weinkönigin Nadine in Windesheim
Der riesige Bilderrahmen aus rot-braunem Holz in den Weinbergen bei Windesheim erlaubt einen wunderschönen Blick über das Nahetal. "Hier oben beim Weinfest zu sitzen, das ist einfach genial", schwärmt Nadine Poss. Die 22 Jahre alte Studentin aus Windesheim ist seit dem 13. September die 65. Deutsche Weinkönigin. Windesheim, Wein und Weltläufigkeit – es sind drei Vokabeln, die die neue Weinmajestät gut beschreiben.
 

Als Nadine am Abend des 13. Septembers in der Wahlgala vor laufenden Kameras nach ihrer Amtszeit als Nahewein-Repräsentantin zur Deutschen Weinkönigin gekrönt wurde, waren sie im Weingut Poss in Windesheim sprachlos. "Ich hab's nicht glauben können", sagt Opa Friedel Poss, und blickt stolz auf seine Enkelin, die gerade in einen Edelstahltank klettert, um ihn zu reinigen. Er habe die Nadine ja schon vor einigen Jahren gedrängt, Nahe-Weinkönigin zu werden, verrät der Opa: "Da hat sie noch mit beiden Händen abgewinkt", erzählt er mit verschmitztem Lächeln. "Weinkönigin? Never!", sagt Nadine lachend, und fällt dem Opa mitten im Weinkeller um den Hals. Dialekt reden die beiden miteinander, eine Art Hunsrücker Platt.

 
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Die Familie, sie steht im Weingut Poss ganz oben an. Vater Karl-Hans und Onkel Harald leiten das Weingut, neben den Großeltern gibt es noch die beiden Uromas: Wilhelmine Ney mit ihren 89 Jahren, und vor allem Alwine Poss. Die zierliche Frau wird am 15. November stolze 100 Jahre alt und trinkt noch immer jeden Abend zum Essen einen Wein: "Wir halten zusammen", sagt sie und lobt, die Enkelin sei "immer freundlich und nett." Das habe sie von ihrer Uroma, sagt Nadine: "Das positive Denken, dass sie immer ein Lächeln auf den Lippen hat, und gleichzeitig diesen absoluten Willen– das hat sie uns mitgegeben."  

"Uns", das sind Nadine und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Björn, der in Darmstadt studiert und Ingenieur für Mechatronik werden will. Zu ihm hat Nadine ein richtig enges Verhältnis, als Kinder spielten sie gemeinsam, der Lieblingsplatz war ein Bach am Waldrand. "Ich bin riesig stolz auf die Nadine", sagt Björn, der beim Finale im Publikum mitfieberte. Als Kind sei Nadine eher schüchtern gewesen, erzählt Mutter Martha Poss: "Wir waren ganz überrascht, als sie auf einmal Weinkönigin werden wollte."  

In der Küche werkeln Mutter und Tochter einträchtig nebeneinander. Es gibt ein "Studentenrezept" von Tochter Nadine: Mit Gemüse gefüllte Paprikaschoten dazu Reis und Salat. "Wenn ich Zeit habe, koche ich sehr, sehr gerne, gerade auch mit meinen Mitbewohnern in meinem Studienort Geisenheim", sagt Nadine. Ein Genussmensch sei sie, verrät ihr Vater. Nadine habe schon immer alles probiert und bereits als Kind Essen im Sterne-Rang geliebt. "Das hat sie vom Vater", wirft Mutter Martha ein. "Weinmenschen sind Genussmenschen", kontert dieser.  

Die Liebe zum Wein, sie wurde Nadine in die Wiege gelegt. Großvater Friedel Poss machte einst aus einem Gemischtbetrieb mit Kühen und Getreideanbau ein echtes Weingut, bis heute packt der 76-Jährige mit an, fährt Traktor in den Weinbergen. Seine beiden Söhne stellten die Weichen zum Qualitätsweinbau. Heute ist das Weingut Poss bekannter Burgunder-Spezialist an der unteren Nahe. 1988 baute die Familie am Ortsrand ein neues Weingut mit Keller und Wohnhäusern – und machte dabei eine überraschende Entdeckung: "Da kamen auf einmal historische Mauerreste zum Vorschein", erzählt Friedel Poss.  Bei Weinkönigin Nadine in Windesheim

Die Mauern entpuppten sich als Vorratskeller aus dem 3. Jahrhundert, Überreste eines römischen Landguts. Heute ist der Römerkeller das Fundament einer modernen Vinothek, in den alten Mauern finden Weinproben statt oder gemütliche Treffen mit Jungwinzern aus dem Ort. "Wir sind mit der Weinsensorik aufgewachsen", erzählt Nadine. Immer durften die Kinder bei Vater und Onkel im Keller mitprobieren, Weinproben habe sie schon früh gehalten.  

"Nadine ist tief verwurzelt", sagt ihre Mutter Martha: Die große Familie, dazu aber auch die vielen Urlaube in Norwegen, das habe sie geprägt. Die Poss' haben langjährige Freunde in Norwegen, das habe Nadine schon früh über Grenzen blicken lassen, sagt die Mutter. Nach dem Abitur verbrachte Nadine ein halbes Jahr bei einer Gastfamilie in Spanien, lernte die Sprache und die spanische Kultur kennen. „Das Interesse an Sprachen hat meine Deutschlehrerin in mir geweckt, bei ihr lernte ich auch das freie Reden“, erzählt Nadine.  

Da lag die Wahl des Studienfaches nahe: Nadine studiert Internationale Weinwirtschaft an der Hochschule Geisenheim und bekennt, dass sie sich auf einer Bühne "richtig wohl" fühlt. "Ich war im Finale sehr locker, ich konnte das richtig genießen", sagt die 22-Jährige. Als 65. Deutsche Weinkönigin will sie nun die Vielfältigkeit und Eleganz deutscher Weine im In- und Ausland noch bekannter machen – und die Harmonie von Speisen und Wein mehr herausstellen: "Es gibt da so tolle Kombinationen", sagt sie, und strahlt schon wieder das Nadine-typische Strahlen. Über 200 Termine koordiniert das Deutsche Weininstitut für die neue Deutsche Weinkönigin – rund um den Globus.