Druckansicht: 09.09.2010

 

"Wir sind hier alle Weinkönigin"

Ein Besuch bei der Deutschen Weinkönigin Sonja Christ in Oberfell an der Mosel
Wenn Sonja Christ in ihrem elterlichen Weinberg steht, liegt ihr die Welt buchstäblich zu Füßen: Unten glänzt die Mosel, die Reben schimmern golden im Herbstlicht und drüben am steilen Moselhang ragt der Ausoniusstein aus dem Wald, wo der Legende nach einst der römische Dichter Decimus Magnus Ausonius seine Ode "Mosella" auf die Schönheit der Landschaft schrieb. "Man muss den Wein einfach lieben, wenn man hier sitzt", sagt Sonja Christ.
 

Seit dem 9. Oktober ist die 25 Jahre alte Winzertochter die 61. Deutsche Weinkönigin. Mit dem Amt sei ein "Traum in Erfüllung gegangen", gesteht die Betriebswirtin, und zählt auf, was sie begeistert: "Viele neue Perspektiven kennen lernen, andere Betriebe sehen, Rumkommen, Neues entdecken." Auf über 150 Terminen darf sie das in ihrem Amtsjahr tun. "Wein ist ein tolles Produkt", schwärmt sie, "und es ist doch toll, wenn man andere dafür begeistern kann."

Als die Geschäftsführerein des Deutschen Weininstituts (DWI), Monika Reule, am Wahlabend um 22.20 Uhr ihren Namen verlas, ging ein Aufschrei nicht nur durch den Saal der Harmonie in Heilbronn: In Sonjas Heimatort Oberfell an der Mosel jubelten sie über die Weinmajestät. Am Moselufer in Oberfell liegt das Gasthaus "Zur Krone", ein stattliches Haus mit 80 Betten und einer eigenen Metzgerei, seit fünf Generationen im Familienbesitz. "Hier haben wir als Kinder in der Gaststube gespielt, in der Küche hab' ich manchmal Pommes geklaut", sagt Sonja Christ mit einem Schmunzeln: "Das Gastronomische hat unser Leben schon sehr geprägt."  Als Kind wuchs sie mit dem Betrieb auf, zusammen mit ihrer Schwester, dem Bruder und den Großcousinen malten die "Christ-Kinder" die Weihnachtskarten für die Gäste. Später halfen sie beim Ausschank an der Theke, da sei dann die Freude am Umgang mit den Menschen gekommen, erinnert sich Sonja.

Der Wein, das Gastronomische, und dann noch ein Gasthof mit dem Namen "Krone" – kein Wunder, dass es die kleine Sonja zu den Majestäten zog. Ein altes Foto zeigt sie als Fünfjährige neben Vater Alfred auf der Bühne, der gerade der Weinkönigin von Oberfell die Krone überreicht. "Das Ritual, die Krone, auch etwas für den Ort zu tun, als Kind findet man das toll", erzählt Sonja. Als Jugendliche tanzte sie aber erst einmal in der Fastnachtsgarde der "Moosrebber", spielte Handball und lernte Erste Hilfe beim Jugend-Rot-Kreuz. Nach dem Abitur ging sie dann auf Reisen: zur Tante nach Kanada und zum Sprachkurs in die italienische Toskana nach Siena.

Sonja liebt Fremdsprachen. Sogar ihr Betriebswirtschafsstudium, das Sonja im Oktober 2004 in Mannheim aufnahm, hatte den Schwerpunkt der „Interkulturellen Qualifikation Italienisch". Zwei Auslandssemester verbrachte sie in Grenoble, und steigerte damit ihre Fremdsprachenkenntnisse in Französisch, Englisch und Italienisch. Das war eine spannende Zeit, erinnert sich die Betriebswirtin, die seit ihrem Examen Anfang 2009 als Verkostungsleiterin der Weinzeitschrift "Selection" arbeitet.

Bei der Weinprobe am Abend begrüßt Sonja die belgischen Gäste dann kurzerhand auf Flams. Vater Alfred erzählt den Gästen stolz, seit ihrer Wahl sei die Sonja jetzt "die wichtigste Person in Deutschland – nach dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin." Die Christs waren früher klassische Nebenerwerbswinzer, 2004 verpachteten sie Hotel, Restaurant und Metzgerei. Seitdem widmet sich Vater Alfred Christ ganz seinem liebsten Hobby Weinmachen. Auf dem ein Hektar großen Weinberg in der Lage Niederfeller Goldlay wachsen neben dem Mosel-Riesling auch Weißburgunder, Spätburgunder und sogar Chardonnay. Von Letzterem, trocken ausgebaut, schwärmt Tochter Sonja. Neben dem Weinkeller entsteht in der alten Scheune gerade ein neuer Weinprobierraum. Die alten Holzbalken sollen einmal frühere Generationen von der alten Wallfahrtskirche auf dem nahe gelegenen Bleidenberg geholt und verbaut haben. "Der Bleidenberg ist einer meiner Lieblingsorte", verrät Sonja.

Vater Alfred plant in diesem Jahr eine eigene Weinköniginnen-Edition aus seinen Weißweinen. "Sie ist spritzig und frisch wie ein Riesling, und sie ist ein außergewöhnlicher Jahrgang", sagt er über seine Tochter. Mutter Gabriele organisierte den Fan-Club für die Wahl in Heilbronn, und versorgt nun Familie und Gäste in der Küche des benachbarten Wohnhauses mit Wiener Schnitzel und Fleischwurst nach altem Familienrezept. Die Kühlschrankseite ist voller Autogrammkarten, alles amtierende oder frühere Weinköniginnen. Darunter auch Sonjas Karte als Moselweinkönigin des Jahres 2007/2008. Zweimal hatte sie sich für den Job beworben, bis es klappte. "Sie ist auf jeden Fall ehrgeizig", sagt Schwester Gitta, "aber eben auch dynamisch, charmant, kompetent – und kontaktfreudig."

Das merkt man auch beim Gang durch den Nachbarort Alken. Sonja strahlt, posiert an dem eigens aufgestellten Ortsschild stolz fürs Foto, winkt vorbei kommenden Nachbarn zu. "Ich verstehe mich jeden Tag als Botschafterin für deutsche Weine", sagt sie stolz. Nebenan im Café Becker liegen auf der Theke CD's zum Verkauf, mit einem eigenen Lied für die neue Deutsche Weinkönigin, eigens komponiert von einem örtlichen Gesangsduo. "Sie hat sich ja super verkauft, das war genial", schwärmt Bäckersfrau Ulrike Becker, und fügt dann stolz hinzu: "Wir sind hier doch alle Weinkönigin."


 



 
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