Zwischen Weinkeller und Kräutergarten

Die 63. Deutsche Weinkönigin Annika Strebel staunt noch immer über ihre Wahl – Besuch in der neuen rheinhessischen "Queenstown" Wintersheim
Die neue Deutsche Weinkönigin begrüßte uns in Gummistiefeln und Regenjacke. "Die Kräuterecke, das ist mein Reich", sagt Annika Strebel, zeigt auf ein Fleckchen im Garten hinter ihrem Elternhaus und zupft dann fachmännisch ein paar Zweige ab. Salbei und Majoran, Isop, Rucola und Zitronenmelisse wachsen hier – und wandern regelmäßig in den Strebelschen Kochtopf.
 

Im Kräutergarten "Das ist eine unglaubliche Aromenvielfalt" sagt Annika: "Die im Essen, das gibt den besonderen Kick." Womit wir beim Wein wären – denn genau diese Aromenvielfalt schätzt die neue höchste Weinmajestät auch bei den deutschen Winzerstropfen.

Es war genau diese Spontanität, Natürlichkeit und Lebendigkeit, die Annika am 30. September die Krone der Deutschen Weinkönigin beschert haben. "Ich hab' mir gedacht: ich hab' mal Spaß da oben, ich war so locker", sagt die 23-jährige Winzerin ein paar Tage nach ihrer Wahl. Und sie verrät ihren ersten Gedanken, der ihr durch den Kopf schoss, als DWI-Geschäftsführerin Monika Reule ihren Namen verkündete: "Nee, das ist nicht Euer Ernst!"

Ein Irrtum, wie sich schnell herausstellte, und so brachte Annika ein kleines Dorf im südlichen Rheinhessen völlig aus dem Häuschen: Noch in der Wahlnacht floss auf dem Dorfplatz von Wintersheim der Sekt in Strömen. Am Tag danach kam das halbe Dorf zur Begrüßung der frisch gekürten Weinkönigin, zwei Wochen später traf man sich zur großen "Queens"-Party im Weingut Strebel. In Wintersheim gibt's seitdem Brötchen mit einer Krone.

Wintersheim ist ein typischer Weinort in Rheinhessen, 333 Einwohner klein, und mitten in einer Talsenke zwischen zwei Hügeln gelegen. Auf der Anhöhe über dem Ort, mitten in den Weinbergen der Lage "Fraugarten", liegt Annikas Lieblingsplatz: ein kleines Häuschen mit einem Geländer auf dem Dach. Annika lenkt souverän den modernen Traktor durch die Weinreben, stoppt dann und klettert unbekümmert die winzige Leiter hoch: "Angst?", sagt sie keck, "das ist keine Tugend von mir."

Von der luftigen Höhe aus schweift der Blick weit in die Rheinebene. Das Feuerwerk vom Backfischfest in Worms könne man von hier besonders gut sehen, verrät Annika: "Und hier sieht man das Land der tausend Hügel, hier sieht man Rheinhessen", sagt sie. Für Annika heißt das Heimat, Freunde treffen, zusammen einen guten Wein genießen. "Wir lassen keine Gelegenheit aus zum Feiern", sagt sie verschmitzt – genug Weinfeste gebe es ja. Darauf wird die neue Weinmajestät im kommenden Jahr häufiger mal verzichten müssen, ebenso auf Freund Philipp, den Annika während ihres Weinbaustudiums in Geisenheim kennenlernte.

Rheinhessen, die größte Weinbauregion Deutschlands, hat seit 1949 bereits sieben Deutsche Weinköniginnen gestellt, Annika ist nun die Nummer acht. Am Ortseingang, direkt vor Annikas Elternhaus, steht das Schild, das sie noch als Rheinhessische Weinkönigin ausweist. Im Weingut dahinter arbeiten drei Generationen für den Wein: Die Großeltern Erna und Heinz Schnell, die noch immer mit anpacken, Vater Reimund, der Weinbautechniker und Annikas Mutter Ingrid, gelernte Hauswirtschaftsleiterin, die gemeinsam das Weingut führen und Annikas zwei Jahre älterer Bruder Bastian.

17 Hektar Weinberge bewirtschaften Strebels, gut 15 verschiedene Weine umsorgt Bastian Strebel mit seinem Vater derzeit im alten Holzfasskeller und in den neuen Stahltanks. "Bastian ist der Kellerexperte, ich vertrau' ihm da einhundertprozentig", sagt Annika stolz. Und ihr Bruder gesteht: "Ich probier' gerne mal was aus und gelegentlich muss Annika mich sogar ein wenig bremsen." Für ihren eigenen Königinnenwein ist Annika natürlich selbst zuständig: Einen trockenen Silvaner der Extraklasse hat sie sich dafür ausgesucht – schon der erste, anlässlich ihrer Wahl zur rheinhessischen Weinkönigin kreierte Silvaner, gewann bei der Landesweinprämierung Gold.

Das Weingut zusammen mit ihrem Bruder zu führen, kann sich die Weinbaustudentin für die Zukunft gut vorstellen: "Ich wollte schon als Kind Winzerin werden", sagt Annika. Mit 17 beendete sie deshalb erst einmal die Schule und absolvierte eine Winzerlehre. "Ich wollte arbeiten, und das war genau die richtige Entscheidung", sagt Annika selbstbewusst: "Nach drei Jahren hatte ich dann wieder Lust auf Schule."

Annika holte das Fachabi nach und studiert seitdem an der renommierten Weinbauschule in Geisenheim Oenologie und Weinbau. Während ihrer Lehre habe sie "schaffen gelernt", sagt die 23-Jährige – und wie es sei, Angestellte zu sein. Das sei wichtig für eine künftige Chefin, findet sie. "Annika kann gut entscheiden", sagt ihre Mutter Ingrid, die natürlich "sehr, sehr stolz" auf die Tochter ist. Sehr quirlig, sehr neugierig, sehr naturverbunden – das sind Adjektive, die Mama Ingrid zur Tochter einfallen, vor allem aber: "Sie weiß, was sie will."

Brötchen mit KroneGanze 20 Minuten brauchte Annika, bis sie ihr wunderschönes grünes Kleid für die Wahl-Gala gefunden hatte. Das Kleid passte perfekt zu ihren langen blonden Haaren, bezahlt hat es die Oma, auf deren Schrank ein Kinderbild von Annika und ihrem Bruder steht. Die Familie ist Annika wichtig, auf dem Sofa entspannt sie gerne mit Kater Teddy. Das Mittagessen findet in fröhlicher Runde und bei Winzersuppe statt. "Kartoffelpuffer und Apfelbrei von der Oma", fällt Annika ein, als sie nach ihrem Lieblingsessen gefragt wird.

Die Familie komplett macht Svenja, mit 15 das Nesthäkchen im Hause Strebel. "Ich fand, sie hat verdient gewonnen", sagt die Schwester stolz, und ist dennoch ein bisschen traurig: Bei rund 200 Terminen, die auf die Weinkönigin zukommen, muss sie auf die große Schwester oft verzichten. Für Annika stehen in den nächsten Monaten Auslandsreisen nach China und New York ebenso auf dem Programm, wie Termine mit Prominenten. Wen sie gerne mal treffen würde? Annika überlegt, und sagt dann: "Einen richtigen Starkoch würde ich gerne mal kennen lernen – und mit ihm experimentieren."

Die Botschaft der 63. Deutschen Weinkönigin lautet: "Deutscher Wein ist nicht kompliziert." Weinwissen sei für den Verbraucher gar nicht so wichtig, findet Annika, denn das wichtigste sei doch: "Weintrinken soll vor allem Spaß machen und ist Genuss." Den Spaß rüber bringen, das kann die 23-Jährige nun wirklich – wie in der Wahlnacht in Neustadt: "Ich war da wirklich Annika – und dass sie mich deshalb gewählt haben, das ist einfach toll."


 
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Im KräutergartenBrötchen mit Krone