Bei Mandy Großgarten zu Hause

Ein Blick in das Leben der 62. Deutschen Weinkönigin von der Ahr
Mandy Großgartens Rezept gegen zu viel Adrenalin im Blut: Ein Blick in hundert Dernauer Augenpaare. "Die waren alle nach Neustadt mitgereist und saßen im Publikum vor der Bühne", erzählt die 23-Jährige vom Finale der Wahl zur Deutschen Weinkönigin.
 

 „Und wenn du dann weißt: Die halten zu dir, egal ob du mit oder ohne Krone nach Hause reist, nimmt dir das eine riesige Last von der Schulter.“ Souverän, charmant und elegant wurde der Auftritt, der die Entscheidung brachte. In Dernau läuteten sie die Glocken. Mehr Bilder von Mandys Zuhause.

Das T-Shirt mit der Aufschrift „Wir sind Weinkönigin“ wurde Mandy Großgarten nach dem triumphalen Empfang, Marke „Ein Dorf steht Kopf“, von begeisterten Freunden überreicht. „Ohne Euch hätte ich es nicht geschafft“, hatte sie bewegt der jubelnden Menge zugerufen. Um das zu verstehen, muss man nach Dernau fahren und die Transparente an den Häusern sehen: „Mandy, du warst Spitze!“ Am Wahrzeichen Dernaus, dem Krausbergturm, haben Freunde vom Eifelverein eine riesige Leuchtschrift installiert, die  den Namen Mandy weithin erstrahlen lässt. Da ist ein Dorf, ein ganzes Anbaugebiet Weinkönigin geworden − für alle dreizehn Anbaugebiete, für ganz Deutschland.

So ganz kann Mandy Großgarten immer noch nicht fassen, dass sie, die studierte Chemikerin und Tochter eines Nebenerwerbswinzers, nun den Laborkittel für ein Jahr mit der Krone vertauscht. Ihre erste Reise, Shanghai, zusammen mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, liegt schon hinter ihr. „Die Chinesen waren sehr neugierig und herzlich“, erzählt sie  und die Weine, die sie im Gepäck hatte, kamen sehr gut an.

Mandy Großgartens Zuhause ist das Elternhaus am Rotweinwanderweg in Dernau. Spaziergänger, die an Wochenenden in Scharen vorbeilaufen, achten wohl mehr auf die steilen Rebhänge − Spätburgunder der Lage Schieferlay − als auf das schmucke weiße Haus der Familie Großgarten. Man muss schon genau hinsehen, um das Schild über der Tür zu erkennen: Weinkönigin von Dernau 2008/2009, Ahrweinkönigin 2009/2010.

Wer deshalb in Mandy Großgarten eine routinierte Amtsträgerin vermutet, ist von der Natürlichkeit und Bescheidenheit der jungen Weinmajestät umso mehr angetan. „Man wird hier schwerlich junge Frauen finden, die nichts mit Wein zu tun haben“, wiegelt die Studentin ab, die gerade ihre Chemie-Bachelor-Prüfung absolviert hat und eigentlich geplant hatte, in Aachen den Master dranzuhängen. "Ich bin nur eine von vielen, weiter nichts."

Ihre Eltern, beide berufstätig, bewirtschaften nebenher verschiedene Parzellen in Dernauer Lagen, insgesamt einen Hektar. Geliefert wird an die örtliche Genossenschaft − den alten Traktor steuert Mandy Großgarten persönlich. „Der ist älter als ich“, erklärt sie respektvoll. Die Spätburgundertrauben hat sie selbst geerntet, Ehrensache. Apropos Ehre: Die Genossen haben die frisch gebackene Deutsche Weinkönigin zum Mitglied ernannt, schließlich hatte sie am Wahlabend auf der Bühne dem Publikum von ihren ersten drei selbstgepflanzten Rebstöcken berichtet. „Die tragen erst in zwei oder drei Jahren Trauben, aber ich bin trotzdem stolz auf meine eigene Mitgliedsnummer“, lacht die überzeugte Genossenschaftlerin.

Ihre beiden jüngeren Brüder, 18 und 20 Jahre alt, helfen beim Weinbau mit. „Ich bin ein totaler Familienmensch“, schätzt sich Mandy Großgarten ein: „Typisch große Schwester!“ Und immer neugierig: Die Arbeit im Weinberg hat sie schon als Kind fasziniert: „Ich musste immer genau wissen, was da passierte.“ Ihren ersten Wein probierte sie mit 16, zu Weihnachten.

Ihre Leidenschaft galt da bereits dem Theater. „Ich bin schon als Kind dabei gewesen“, erinnert sie sich. Im Theaterverein „Eintracht“ spielt sie heute am liebsten „die bösesten und gemeinsten Rollen“: „Das ist die Herausforderung!“ Die sympathische, freundliche Weinkönigin genießt es − zwar augenzwinkernd, aber wer würde es vermuten? −, wenn die Freunde ehrlich überrascht sind, „wie böse ich sein kann!“ Zuletzt spielte Mandy die ebenso schöne wie fiese Grafentochter Olympia von Rabenklau in dem rheinischen Schwank „Der Blaue Heinrich“, den schon der große Willy Millowitsch inszeniert hat.

Die Eltern dachten, sie würde nach dem Abitur in Ahrweiler „irgendetwas Soziales“ studieren. Aber sie hatten die Rechnung ohne den Wissensdrang ihrer Tochter gemacht. Ein Chemiestudium! Wieder wiegelt die Weinmajestät, eine wirkliche Naturwissenschaftlerin, amüsiert ab: „Ich verbringe bestimmt mehr Zeit mit dem Wein als mit der Chemie, und Chemie ist schließlich nicht weit vom Winzerberuf.“ Zu wissen, wie etwas funktioniert, darum sei es ihr schon immer gegangen. Durchaus mit praktischen Bezügen: Ihr Spezialgebiet sind Kunststoffe, die Abschlussarbeit befasste sich mit den Aushärtungszeiten von Zahnfüllungen, mit verwertbaren Erkenntnissen für die Industrie. „Immer tiefer forschen und vielleicht etwas entdecken, was den Menschen das Leben leichter und besser macht“, sinniert sie nachdenklich über ihre Zukunftsvisionen.

Aber eine Weinkönigin hat dafür noch weniger Zeit als für das Joggen durch die Weinberge, ihr anderes Hobby. Wer die schlanke Weinkönigin („Ich bin Genussläuferin!“) mal sportlich auf ihrer meist halbstündigen Runde erleben will, sollte sich am Morgen an den Rotweinwanderweg stellen, vielleicht am Gedenkstein mit dem Bibelspruch, von dem aus man weit über den Kirchturm von Dernau hinwegblickt. Auch gemütliche Lesestündchen auf der schwarzen Ledercouch am heimischen Kamin werden vorerst seltener werden. Mandy Großgarten empfiehlt dazu einen deutschen Spätburgunder: elegant und nicht zu schwer. Den kann übrigens, wer will, auch im Lokal ihres Onkels Peter Schnitzler probieren. Der hat flugs ein „Schnitzel Deutsche Weinkönigin Mandy“ kreiert und freut sich, wenn die Majestät ihn in der Küche besucht. Dort hat sie früher oft ausgeholfen und dabei ihre Leidenschaft fürs Kochen entdeckt. Ihre Vorliebe gilt den traditionellen kulinarischen Genüssen wie beispielsweise dem „Döppekooche“, einem rheinischen Kartoffelgericht.

 „Als Weinkönigin muss man eine kompetente Beraterin sein. Da kann ein naturwissenschaftliches Studium günstig sein“, schließt Mandy Großgarten den Kreis von ihrem Studium zu ihrer neuen Aufgabe. Kompetenz dürfte ein Schlüsselbegriff ihrer Amtszeit werden. Kompetenz und Innovationsgeist bewundert Mandy Großgarten bei den deutschen Winzern. „Wir haben jetzt eine besondere, dynamische Phase im deutschen Weinbau. Viele Väter haben ihre Söhne und Töchter um die Welt geschickt, um zu lernen. Die bringen neue Ideen ein, präsentieren sich anders. Das wird vieles verändern, auch in der Vermarktung“, beobachtet sie. Als Naturwissenschaftlerin hat sie freilich auch die globale Klimaveränderung im Blick. „Es wird schon experimentiert, bestimmte Rebsorten wie den Frühburgunder an anderen Standorten zu pflanzen. Aber die größte Gefahr geht sicher von den zunehmenden Extremwetterlagen aus.“

Für ihre Amtszeit hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: „Die Deutschen sollen unser Land wieder mehr als Weinland sehen, auch außerhalb der Weingebiete.“ Viele Spitzenrestaurants hätten noch zu wenig deutsche Weine auf der Karte. „Wir haben doch die Möglichkeit, schlanke Weine herzustellen, so wie sie jetzt überall im Trend sind“, plädiert Mandy Großgarten, die weiß: Aus deutschen Anbaugebieten kommen heute Weltklasseweine. Darauf, im Ausland für die deutschen Rebsorten und Weine zu werben, freut sie sich besonders, kam doch das Reisen bislang eher zu kurz. „Das ist schon ein komisches Gefühl, so weit von zu Hause weg zu sein“, findet Mandy Großgarten. Aber sie weiß: Auch in Shanghai oder Tokio hat sie mit den Weinen immer ein Stück Heimat dabei.